Die Kulturgeschichte des Fliegenpilzes: Von sibirischen Schamanen bis zum Weihnachtsmann und Super Mario

Tre röda flugsvampar i olika mognadsstadier i gräs

Nur wenige Pilze sind so unverwechselbar wie der Fliegenpilz (Amanita muscaria). Sein leuchtend roter Hut mit den weißen Punkten ist geradezu archetypisch für unsere Vorstellung von einem “Pilz” überhaupt – vor diesem Bild gab es kaum einen anderen Bezugspunkt. Doch die Bedeutung des Fliegenpilzes geht weit über sein Aussehen hinaus. Seit über zehntausend Jahren scheinen Menschen auf mehreren Kontinenten, völlig unabhängig voneinander, von genau diesem Pilz fasziniert zu sein: sibirische Völker bauten Winterrituale um ihn herum auf, im Norden wurde er mit der frühesten Gestalt des Weihnachtsmanns in Verbindung gebracht, viktorianische Künstler machten ihn zum Symbol der Märchenwelt, und heute springt ein italienischer Klempner in jedem Super-Mario-Spiel auf ihn. In diesem Artikel folgen wir der Reise des Fliegenpilzes durch die Kulturgeschichte der Menschheit – von der Trommel des Schamanen bis zum Fuß des Weihnachtsbaums.

Drei rote Fliegenpilze in unterschiedlichen Reifestadien im Gras

Das charakteristische rot-weiße Muster des Fliegenpilzes verändert sich mit dem Alter – von einem fast vollständig bedeckten, kuppelförmigen “Ei” bis zum flachen, gepunkteten Hut, den die meisten kennen. Bild: Onderwijsgek, Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0).

Ein Pilz, der auch in schwedischen Wäldern wächst

Bevor wir uns der Mythologie widmen, lohnt sich die Erinnerung, dass der Fliegenpilz nichts Exotisches ist – er wächst wild in Nadel- und Birkenwäldern in weiten Teilen der nördlichen Hemisphäre, auch in Schweden. Er bildet eine Mykorrhiza, eine symbiotische Partnerschaft mit Baumwurzeln, und erscheint vor allem im Spätsommer und Herbst. Der deutsche Name “Fliegenpilz” stammt daher, dass er, in Milch eingeweicht, historisch als Fliegenfalle benutzt wurde – die Fliegen wurden vom Zucker angelockt und durch die natürlichen Gifte des Pilzes betäubt. Auch Carl von Linné nahm daher den Artnamen muscaria, vom lateinischen musca, “Fliege”.

Der Pilz der Schamanen: Fliegenpilz in Sibirien

Die am besten dokumentierte und älteste kulturelle Nutzung des Fliegenpilzes stammt aus Sibirien. Völker wie die Korjaken, Tschuktschen und Ewenken im nordöstlichen Sibirien verwenden seit Jahrhunderten getrockneten Fliegenpilz in schamanischen Ritualen – seit mindestens dem 18. Jahrhundert von europäischen Ethnografen dokumentiert, vermutlich aber mit viel älteren Wurzeln. Vor einer Zeremonie fasteten und meditierten die Schamanen, und anschließend wurden die getrockneten Pilze unter Trommeln und Gesang eingenommen, um einen tranceartigen Zustand herbeizuführen, in dem der Schamane mit der Geisterwelt kommunizieren konnte.

Eine der ungewöhnlicheren Eigenheiten dieser Tradition ist, dass die Wirkstoffe des Fliegenpilzes, Ibotensäure und Muscimol, größtenteils unverändert über die Nieren ausgeschieden werden. Deshalb tranken andere Teilnehmer der Zeremonie mitunter den Urin des Schamanen, um eine ähnliche, mildere und “reinere” Wirkung zu erzielen – eine Praxis, die auch Rentiere selbst anzieht; es ist gut belegt, dass Rentiere in freier Wildbahn aktiv Fliegenpilze suchen und fressen.

Die Samen, der Weihnachtsmann und die nordische Theorie

Die Vorliebe der Rentiere für Fliegenpilze führt uns zu einer der bekanntesten – und umstrittensten – Theorien über das kulturelle Erbe des Pilzes: die Verbindung zum Weihnachtsmann. Der Theorie zufolge sammelten und trockneten samische Schamanen Fliegenpilze, um sie zur Wintersonnenwende als Geschenke zu verteilen, und da der Schnee oft die Türen blockierte, wurden die Pilze stattdessen durch das Rauchloch im Dach gereicht. Der bekannte Appetit der Rentiere auf den Pilz, kombiniert mit der Vorstellung von den “fliegenden” Tranceflug des Schamanen, wurde von manchen Forschern und populärwissenschaftlichen Autoren als mögliche Erklärung für das Bild der fliegenden Rentiere angeführt. Die rot-weiße Tracht wurde auf ähnliche Weise mit der Färbung des Pilzes in Verbindung gebracht.

Wichtig ist die Klarstellung, dass es sich um eine populäre Hypothese und keine wissenschaftlich gesicherte Tatsache handelt – das schwedische Naturhistorische Museum hat sich selbst mit der Frage unter dem Titel “Ist der Weihnachtsmann ein Schamane?” befasst und kommt zu dem Schluss, dass die Verbindung spannend, aber historisch schwer zu beweisen ist. Das moderne, kommerzielle Bild des Weihnachtsmanns wurde stattdessen größtenteils von amerikanischen Zeitungsillustratoren des 19. Jahrhunderts und später von Coca-Colas Werbekampagnen der 1930er-Jahre geprägt. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen: mehrere unabhängige nördliche Traditionen – sibirisch, samisch und später westlich – haben Schicht für Schicht zum heutigen Weihnachtsmann beigetragen, ohne dass eine einzelne Quelle ihn allein erklärt.

Die Bersärker – ein Wikingermythos, der nicht standhält

Eine weitere bekannte, aber weitaus umstrittenere Theorie betrifft die Bersärker der Wikingerzeit – Krieger, die laut den Sagas in einen rasenden, schmerzunempfindlichen Kampfrausch verfallen konnten. Der schwedische Geistliche und Naturforscher Samuel Ödman schlug bereits 1784 vor, dass der Bersärkerrausch durch eine Fliegenpilzvergiftung erklärt werden könnte – eine Idee, die sich seither in Populärwissenschaft, Dokumentationen und vereinzelten akademischen Texten hält.

Moderne Historiker sind sich jedoch weitgehend einig, dass die Theorie nicht standhält. Die Kritik, zuerst vom Historiker Howard Fabing in den 1950er-Jahren formuliert und seither weiterentwickelt, weist sowohl auf eine geografische als auch eine chronologische Lücke hin: Die Belege stützen sich fast ausschließlich auf sibirische schamanische Praktiken aus dem 18. Jahrhundert – eine völlig andere Zeit, Ort und Kultur als das Skandinavien der Wikingerzeit. Auch die bekannten Wirkungen des Fliegenpilzes – Schwindel, Übelkeit und ein traumartiger, nach innen gerichteter Rausch – passen schlecht zu den Beschreibungen eines kontrollierten, nach außen gerichteten Kampfrausches in den Sagas. Forscher wie Karsten Fatur haben stattdessen vorgeschlagen, dass die giftige Pflanze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), die in der Wikingerzeit in Nordeuropa bekannt und verfügbar war, besser zum Symptombild passt. Der Bersärker-Mythos ist eine gute Erinnerung daran, wie leicht eine gefällige Hypothese allein durch häufige Wiederholung zur “Wahrheit” werden kann.

Soma – der Trank der Götter im Rigveda

Weit entfernt von Norden und Sibirien findet sich eine weitere der meistdiskutierten Verbindungen des Fliegenpilzes: das vedische Opfergetränk Soma, besungen in über hundert Hymnen des altindoiranischen Rigveda (etwa 1500–1200 v. Chr.). Soma wird als göttliches, bewusstseinserweiterndes Getränk beschrieben, gebraut aus einer Pflanze, deren genaue Identität im Lauf der Geschichte verloren ging.

1968 stellte der amerikanische Ethnomykologe R. Gordon Wasson in seinem Buch Soma: Divine Mushroom of Immortality die Theorie auf, dass Soma in Wirklichkeit der Fliegenpilz war. Wasson verwies sowohl auf textliche Hinweise – der Rigveda erwähnt nirgends Blätter, Blüten, Samen oder Wurzeln der Soma-Pflanze, was darauf hindeutet, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Pflanze handelte – als auch auf die sibirische Urin-Tradition als mögliche Erklärung dafür, warum Soma in manchen Hymnen mit dem Wasserlassen in Verbindung gebracht wird. Die Theorie ist elegant, aber keineswegs unumstritten: Kritiker weisen unter anderem darauf hin, dass die im Rigveda beschriebene Pressung und Filterung von Soma schlecht zur tatsächlichen Zubereitung von Fliegenpilzen passt, und im Lauf der Jahre wurden mehrere alternative Kandidaten vorgeschlagen – von Ephedra bis zu verschiedenen Kletterpflanzen. Die wahre Identität von Soma gilt bis heute als eines der großen ungelösten Rätsel der Religionsgeschichte.

Der Fliegenpilz erobert die Kunst und die Märchenwelt

Ist die Rolle des Fliegenpilzes in Schamanismus und Religion schwer zu belegen, so ist sein Einzug in die westeuropäische Kunst umso deutlicher dokumentiert. Vereinzelt taucht der Pilz bereits in der Renaissancekunst auf, doch erst im viktorianischen Zeitalter des 19. Jahrhunderts nimmt er wirklich Gestalt an – als das eigentliche Sinnbild der Märchen- und Feenwelt.

Gemälde von John Anster Fitzgerald mit Feen und einem Fliegenpilz im Zentrum, um 1860

“The Intruder” von John Anster Fitzgerald (um 1860), eine der bekanntesten Figuren der viktorianischen Feenmalerei. Der Fliegenpilz ist ein wiederkehrendes Motiv in seinen Gemälden. Bild: Wikimedia Commons (gemeinfrei).

Der britische Künstler John Anster Fitzgerald, genannt “Fairy Fitzgerald”, ist vielleicht das deutlichste Beispiel – seine Gemälde wimmeln geradezu von Feen, Kobolden und Fliegenpilzen in traumhaften, mitunter düsteren Szenerien. Zeitgenössische Illustratoren wie Richard Doyle steuerten ähnliche Motive in Büchern wie In Fairyland (1870) bei, in denen Fliegenpilze durchgängig als Heim, Sitzplatz und Treffpunkt für Feenwesen dargestellt werden.

Illustration von Richard Doyle mit Feen zwischen Fliegenpilzen und Hexenringen, 1870

Richard Doyles Illustration “Fairy Rings and Toadstools” (1870) ist eines von vielen Beispielen dafür, wie der Fliegenpilz in das viktorianische Bild der Feenwelt eingewoben wurde. Bild: Wikimedia Commons (gemeinfrei).

Es war nicht in erster Linie die Chemie des Pilzes, die ihn zu einem so beliebten Symbol machte, sondern sein visueller Kontrast – die leuchtend rote Farbe mit weißen Punkten signalisierte zugleich Schönheit und Gefahr, perfekt, um das Übernatürliche darzustellen. Von dort ist der Schritt kurz zu Lewis Carrolls Alice im Wunderland (1865), wo Alice von einem Pilz isst, der sie wachsen und schrumpfen lässt – eine Szene, die, obwohl der Pilz nie ausdrücklich benannt wird, in Jahrhunderten von Illustrationen fast immer als Fliegenpilz dargestellt wurde.

Vom Weihnachtsschmuck zu Super Mario

Die viktorianische Bildwelt hinterließ bleibende Spuren. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde der Fliegenpilz zu einem beliebten Glücksmotiv auf europäischen Weihnachtskarten und Christbaumschmuck – eine Tradition, die unter anderem in Deutschland und Österreich bis heute lebendig ist, wo kleine Fliegenpilzfiguren als “Glückspilz” nach wie vor als Glücksbringer zum Jahreswechsel verkauft werden.

Der rot-weiß gepunktete Hut verankerte sich so tief als Standardsymbol der Märchenwelt für “Pilz”, dass er bis heute das Bild ist, das die meisten Menschen vor Augen haben, wenn sie an Zwerge, Feen und Märchenwälder denken – von Gartenzwergen und Kinderbüchern bis zu Disneys Fantasia (1940), wo tanzende Fliegenpilze in einer der bekanntesten Szenen des Films auftauchen. Als Nintendo in den 1980er-Jahren Super Marios berühmten “Super-Pilz” entwarf, musste nichts Neues erfunden werden – man griff schlicht auf eine bereits mehrere hundert Jahre alte Bildtradition zurück.

Ein natürliches Sammlerstück bis heute

Von der sibirischen Schamanentrommel bis zum Achtbit-Videospiel – nur wenige Organismen haben die menschliche Vorstellungswelt so weit durchdrungen wie der Fliegenpilz. Genau diese reiche, jahrtausendealte Geschichte macht ihn bis heute so beliebt als botanisches Sammlerstück und Dekoration – ein von Natur aus wunderschöner Pilz mit einer Geschichte in jedem Punkt.

Bei Växtbutiken verkaufen wir getrockneten Fliegenpilz, als ganze Hüte oder gemahlen, ausschließlich als botanisches Sammlerstück – nicht zum Verzehr. Interessiert an der Rechtslage in Schweden? Wir gehen im Detail darauf ein in unserem Artikel: Ist Fliegenpilz in Schweden legal?

⚠️ Gemäß schwedischen und EU-Vorschriften ist Fliegenpilz von Växtbutiken nicht als Nahrungsergänzungsmittel, Arzneimittel oder anderweitig zum menschlichen Verzehr bestimmt. Außerhalb der Reichweite von Kindern und Haustieren aufbewahren.

Quellen

Dieser Artikel dient Informations- und kulturhistorischen Zwecken und stellt keine medizinische, rechtliche oder sonstige Beratung dar.